«Wir standen an einem Scheideweg»

Was passiert, wenn plötzlich ein Weltkonzern wie BMW anklopft? Für das ETH-Spin-off Embotech markierte diese Frage das Ende der Startup-Ära und den Beginn einer rasanten Skalierung zum Tech-KMU. Gründer Dr. Alexander Domahidi über den Moment, der alles veränderte.

Embotech ist heute ein führender Anbieter sicherheitszertifizierter Level-4-Autonomielösungen für die industrielle Logistik und hat den Sprung vom Startup zum Deep-Tech-Scale-up gemeistert. Die Technologie ist im 24/7-Einsatz bei Kunden und bewegt täglich mehr als 2500 Fahrzeuge autonom. Insgesamt wurden bereits über 800’000 autonome Fahrzeugbewegungen in produktiven Industrieumgebungen durchgeführt. Gegründet im September 2013 als Spin-off der ETH Zürich, war das Unternehmen das Resultat jahrelanger Arbeit am Institut für Automatik. «Ohne die ETH gäbe es Embotech heute nicht», stellt Mitgründer und CTO von Embotech Dr. Alexander Domahidi klar. Das mathematische Kernstück – die Echtzeit-Optimierung (Embedded Optimization Technologies) – entstand während seines Doktorats. «Ich habe während meiner Promotion intensiv an dieser Software gearbeitet und irgendwann realisiert, welches Potenzial darin steckt.» Er und sein ehemaliger Mitgründer waren überzeugt: Hierfür muss ein Markt existieren. 

Ursprünglich lieferte Embotech lediglich einen mathematischen Kern – den Solver FORCES PRO, der als «Gehirn» komplexe Entscheidungen in Millisekunden berechnet. Das Unternehmen fokussierte sich früh auf industrielle Anwendungen in kontrollierten Umgebungen wie Fabriken, Logistikzentren und Häfen. Die zugrunde liegende Technologie wurde in den Anfangsjahren sogar auch noch in Projekten für die Europäische Weltraumorganisation ESA eingesetzt. Doch dann wurde die Automobilbranche aufmerksam. 

Der Wendepunkt: Als BMW mehr als nur Software wollte

Der entscheidende Moment in der Transition vom Startup zum Scale-up kam 2018. Damals vertiefte sich die Zusammenarbeit mit BMW. Für das autonome Fahren und Projekte wie das Automated Valet Parking (AVP), bei dem Autos völlig fahrerlos durch Parkhäuser oder Logistikzentren navigieren, brauchte BMW mehr. «Unsere Technologie begeisterte sie, aber sie wollten keine Einzelteile mehr, sondern eine Gesamtlösung», erinnert sich Alexander. Plötzlich würde das Team die volle Verantwortung für die Hardware-Integration, die Umfelderkennung und die hochkomplexe Sicherheitsarchitektur tragen. «Wir standen an einem echten Scheideweg», so Alexander. «Wir mussten entscheiden: Wagen wir diesen Sprung zum Systemlieferanten gemeinsam mit BMW oder bleiben wir ein spezialisierter Komponenten-Anbieter?», Alexander entschied sich für den Wandel.

Mit dem Wachstum kam die organisatorische Komplexität. Wer glaubt, dass ein Tech-Unternehmen mit 130 Leuten immer noch nur an Algorithmen tüftelt, irrt. Alexander ist ehrlich, was die Herausforderungen des Scale-ups angeht: «Als Gründer verbringe ich heute deutlich weniger Zeit mit Technik als früher. Der grösste Teil meiner Arbeit besteht inzwischen darin, Qualität, Prozesse und Organisation so aufzubauen, dass wir unsere Technologie zuverlässig skalieren können.» 

Die grösste Hürde war folglich nicht die technologische Weiterentwicklung, sondern der Aufbau eines skalierbaren Apparats. Embotech musste ganze Teams für Operations neu aus dem Boden stampfen – Bereiche, die in der frühen Forschungsphase kaum eine Rolle spielten.

Wenn Finanzen und Gründer-Mindset mitwachsen müssen

Heute zählt Embotech zu den führenden Anbietern sicherheitszertifizierter Level-4-Autonomielösungen für die industrielle Logistik. Das Unternehmen ist international tätig und hat in mehreren Finanzierungsrunden Kapital aufgenommen, zuletzt eine Series-B-Runde zur weiteren Expansion. Während die ETH den idealen Nährboden für die Gründung bot, stammt das Kapital für die Expansion heute mehrheitlich aus Deutschland oder den USA. Alexander schätzt die Schweizer Mentalität, sieht aber auch eine gewisse Zurückhaltung bei grossen Wachstumsschritten: «Die Schweizer sind sehr pragmatisch, was Startups eigentlich zugutekommt. Gleichzeitig ist die Risikobereitschaft bei Wachstumsfinanzierungen oft geringer als beispielsweise in den USA und vielen anderen Ländern.»

Aber der Wandel vom Startup zum Scaleup ist nicht nur eine Frage von Umsätzen und Mitarbeiterzahlen, sondern auch eine der persönlichen Entwicklung. Alexander blickt heute mit einer Mischung aus Realismus und Bescheidenheit auf die frühen Jahre zurück. «Rückblickend sind wir an manche Entscheidungen sicher etwas blauäugig herangegangen», reflektiert Alexander. «Ich war damals im Herzen ein Technik-Nerd und musste in diese neue Rolle als Unternehmer erst hineinwachsen.» Zwar habe man sich früh Unterstützung durch erfahrene Berater und Coaches geholt, doch am Ende könne einem niemand die Verantwortung für den eigenen Weg abnehmen.

Bildlegende: Embotech entwickelt autonome Fahrzeuglogistik für Industrieunternehmen wie BMW und beschäftigt heute rund 130 Mitarbeitende.

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Embotech ist heute ein führender Anbieter sicherheitszertifizierter Level-4-Autonomielösungen für die industrielle Logistik und hat den Sprung vom Startup zum Deep-Tech-Scale-up gemeistert. Die Technologie ist im 24/7-Einsatz bei Kunden und bewegt täglich mehr als 2500 Fahrzeuge autonom. Insgesamt wurden bereits über 800’000 autonome Fahrzeugbewegungen in produktiven Industrieumgebungen durchgeführt. Gegründet im September 2013 als Spin-off der ETH Zürich, war das Unternehmen das Resultat jahrelanger Arbeit am Institut für Automatik. «Ohne die ETH gäbe es Embotech heute nicht», stellt Mitgründer und CTO von Embotech Dr. Alexander Domahidi klar. Das mathematische Kernstück – die Echtzeit-Optimierung (Embedded Optimization Technologies) – entstand während seines Doktorats. «Ich habe während meiner Promotion intensiv an dieser Software gearbeitet und irgendwann realisiert, welches Potenzial darin steckt.» Er und sein ehemaliger Mitgründer waren überzeugt: Hierfür muss ein Markt existieren. 

Ursprünglich lieferte Embotech lediglich einen mathematischen Kern – den Solver FORCES PRO, der als «Gehirn» komplexe Entscheidungen in Millisekunden berechnet. Das Unternehmen fokussierte sich früh auf industrielle Anwendungen in kontrollierten Umgebungen wie Fabriken, Logistikzentren und Häfen. Die zugrunde liegende Technologie wurde in den Anfangsjahren sogar auch noch in Projekten für die Europäische Weltraumorganisation ESA eingesetzt. Doch dann wurde die Automobilbranche aufmerksam. 

Der Wendepunkt: Als BMW mehr als nur Software wollte

Der entscheidende Moment in der Transition vom Startup zum Scale-up kam 2018. Damals vertiefte sich die Zusammenarbeit mit BMW. Für das autonome Fahren und Projekte wie das Automated Valet Parking (AVP), bei dem Autos völlig fahrerlos durch Parkhäuser oder Logistikzentren navigieren, brauchte BMW mehr. «Unsere Technologie begeisterte sie, aber sie wollten keine Einzelteile mehr, sondern eine Gesamtlösung», erinnert sich Alexander. Plötzlich würde das Team die volle Verantwortung für die Hardware-Integration, die Umfelderkennung und die hochkomplexe Sicherheitsarchitektur tragen. «Wir standen an einem echten Scheideweg», so Alexander. «Wir mussten entscheiden: Wagen wir diesen Sprung zum Systemlieferanten gemeinsam mit BMW oder bleiben wir ein spezialisierter Komponenten-Anbieter?», Alexander entschied sich für den Wandel.

Mit dem Wachstum kam die organisatorische Komplexität. Wer glaubt, dass ein Tech-Unternehmen mit 130 Leuten immer noch nur an Algorithmen tüftelt, irrt. Alexander ist ehrlich, was die Herausforderungen des Scale-ups angeht: «Als Gründer verbringe ich heute deutlich weniger Zeit mit Technik als früher. Der grösste Teil meiner Arbeit besteht inzwischen darin, Qualität, Prozesse und Organisation so aufzubauen, dass wir unsere Technologie zuverlässig skalieren können.» 

Die grösste Hürde war folglich nicht die technologische Weiterentwicklung, sondern der Aufbau eines skalierbaren Apparats. Embotech musste ganze Teams für Operations neu aus dem Boden stampfen – Bereiche, die in der frühen Forschungsphase kaum eine Rolle spielten.

Wenn Finanzen und Gründer-Mindset mitwachsen müssen

Heute zählt Embotech zu den führenden Anbietern sicherheitszertifizierter Level-4-Autonomielösungen für die industrielle Logistik. Das Unternehmen ist international tätig und hat in mehreren Finanzierungsrunden Kapital aufgenommen, zuletzt eine Series-B-Runde zur weiteren Expansion. Während die ETH den idealen Nährboden für die Gründung bot, stammt das Kapital für die Expansion heute mehrheitlich aus Deutschland oder den USA. Alexander schätzt die Schweizer Mentalität, sieht aber auch eine gewisse Zurückhaltung bei grossen Wachstumsschritten: «Die Schweizer sind sehr pragmatisch, was Startups eigentlich zugutekommt. Gleichzeitig ist die Risikobereitschaft bei Wachstumsfinanzierungen oft geringer als beispielsweise in den USA und vielen anderen Ländern.»

Aber der Wandel vom Startup zum Scaleup ist nicht nur eine Frage von Umsätzen und Mitarbeiterzahlen, sondern auch eine der persönlichen Entwicklung. Alexander blickt heute mit einer Mischung aus Realismus und Bescheidenheit auf die frühen Jahre zurück. «Rückblickend sind wir an manche Entscheidungen sicher etwas blauäugig herangegangen», reflektiert Alexander. «Ich war damals im Herzen ein Technik-Nerd und musste in diese neue Rolle als Unternehmer erst hineinwachsen.» Zwar habe man sich früh Unterstützung durch erfahrene Berater und Coaches geholt, doch am Ende könne einem niemand die Verantwortung für den eigenen Weg abnehmen.

Bildlegende: Embotech entwickelt autonome Fahrzeuglogistik für Industrieunternehmen wie BMW und beschäftigt heute rund 130 Mitarbeitende.

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