Europa erfindet die Zukunft, andere bauen die Unternehmen dazu

Der START Summit 2026 eröffnete mit starken Worten für den Innovationsstandort Europa. Die Botschaften regten zum Nachdenken an, forderten zum Handeln auf und inspirierten zu grossen Visionen. Im Zentrum standen die grossen Zukunftsthemen: Künstliche Intelligenz, Deep Tech und Venture Capital. Über allem schwebte eine zentrale Frage: What’s next?

Die Frage “What’s next” ist indes eine sehr Spannende. Zahlreiche top ausgebildete Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Forschungseinrichtungen, wie der ETH Zürich, der EPFL oder der TU München haben die beste Voraussetzung, neue Innovationen und Technologien hervorzubringen. Aber die Zahl global skalierender Technologieunternehmen aus Europa wird wohl dennoch vergleichsweise gering bleiben.

Florian Kandler, Managing Director des START Summit, brachte dieses Spannungsfeld pointiert auf den Punkt: «Wir sitzen auf dem weltweit wertvollsten Rohmaterial des 21. Jahrhunderts: geistiges Eigentum im Bereich Deep Tech. Aber Rohmaterial wird erst richtig wertvoll, wenn man es raffiniert.» In der Innovationsforschung ist in diesem Zusammenhang häufig vom „europäischen Paradox“ die Rede: starke Grundlagenforschung bei gleichzeitig schwächerer Kommerzialisierung.

Der Druck in Europa steigt

Gleichzeitig verändert sich das Umfeld spürbar. Geopolitische Spannungen, der Wunsch nach technologischer Souveränität und globaler Wettbewerb erhöhen den Druck auf Europa, Innovationen nicht nur zu entwickeln, sondern auch erfolgreich zu skalieren. Andernfalls droht eine Entwicklung, die Kandler gemeinsam mit Pascal Bohe, Präsident von START Global, kritisch beschreibt: «Europa ist bereits zu lange der weltweit teuerste Talent-Inkubator für die Wirtschaft von jemand anderem».

Diese Diagnose verweist auf ein strukturelles Problem: Viele der besten Talente werden ausgebildet, tragen ihre Ideen jedoch in andere Märkte, wo sie unter besseren Bedingungen Unternehmen aufbauen oder weiterentwickeln.

Fehlende Unternehmenskultur und fragmentierte Ökosysteme

Neben strukturellen Faktoren spielt auch die unternehmerische Kultur eine Rolle. In Europa fehlt es mitunter an einer ausgeprägten Risikobereitschaft und an der Bereitschaft, eigene Ideen konsequent in Unternehmen zu überführen. Stattdessen arbeiten viele Talente in bestehenden Strukturen – häufig auch ausserhalb Europas.

Ein Blick ins Silicon Valley zeigt, wie entscheidend funktionierende Ökosysteme sein können. Dort sorgen Netzwerke, Mentoring-Strukturen und informelle Austauschformate dafür, dass unternehmerisches Erfahrungswissen kontinuierlich weitergegeben wird. Diese kollektive Wissensbasis erleichtert es, neue Unternehmen schneller und erfolgreicher aufzubauen.

In Europa hingegen sind solche Strukturen oft fragmentiert. Nationale Grenzen, unterschiedliche regulatorische Rahmenbedingungen und weniger ausgeprägte Netzwerke erschweren den systematischen Wissenstransfer. Zudem fehlen häufig die grossen, sichtbaren Erfolgsgeschichten, die als Vorbilder für die nächste Generation dienen könnten. Für Gründerinnen und Gründer bedeutet das: Viele Lernprozesse müssen individuell durchlaufen werden.

Gleichzeitig entstehen jedoch Initiativen, die genau diese Lücken adressieren sollen. Dazu zählen unter anderem das Project Switzerland von Deep Tech Nation Switzerland, der Operator Circle von Enzo Wälchli (ehemals CCO von ANYbotics) sowie der Scale-up Circle von Swisspreneur.

Kapital wird selektiver – und strategischer

Ein weiterer zentraler Faktor für Wachstum ist Kapital. Insbesondere wenn Startups und Scale-ups schnell skalieren sollen, sind grosse Finanzierungsrunden entscheidend. Viele europäische Unternehmen greifen dafür weiterhin auf Wagniskapital aus den USA zurück und verlagern im Zuge dessen teilweise auch ihren Standort.

Gleichzeitig entstehen auch in Europa vermehrt gezielte Initiativen, um diese Entwicklung zu kontern. Ein Beispiel ist der von Carsten Maschmeyer und Alexander Kölpin initiierte KI-Fonds mit einem Volumen von rund 90 Millionen Euro, der gezielt in europäische KI-Startups investiert.

Zwischen Anspruch und Realität

Die Diskussionen am START Summit machen deutlich: Europa verfügt über viele der zentralen Bausteine eines leistungsfähigen Innovationssystems – exzellente Forschung, hochqualifizierte Talente, eine starke industrielle Basis und zunehmend auch Kapital. Entscheidend wird jedoch sein, ob es gelingt, diese Stärken konsequent in wirtschaftliche Wertschöpfung zu übersetzen.

Die eigentliche Herausforderung liegt damit weniger im Erfinden der Zukunft, sondern im Aufbau jener Strukturen, die es ermöglichen, aus Ideen skalierbare Unternehmen zu machen.

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Alyssia Kugler
"Interviews mit Startups zu führen, ermöglicht es mir unserer Leserschaft Inspiration, Erfahrungswerte und authentische Einblicke ins Gründerleben und den Unternehmensaufbau zu geben."

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Die Frage “What’s next” ist indes eine sehr Spannende. Zahlreiche top ausgebildete Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Forschungseinrichtungen, wie der ETH Zürich, der EPFL oder der TU München haben die beste Voraussetzung, neue Innovationen und Technologien hervorzubringen. Aber die Zahl global skalierender Technologieunternehmen aus Europa wird wohl dennoch vergleichsweise gering bleiben.

Florian Kandler, Managing Director des START Summit, brachte dieses Spannungsfeld pointiert auf den Punkt: «Wir sitzen auf dem weltweit wertvollsten Rohmaterial des 21. Jahrhunderts: geistiges Eigentum im Bereich Deep Tech. Aber Rohmaterial wird erst richtig wertvoll, wenn man es raffiniert.» In der Innovationsforschung ist in diesem Zusammenhang häufig vom „europäischen Paradox“ die Rede: starke Grundlagenforschung bei gleichzeitig schwächerer Kommerzialisierung.

Der Druck in Europa steigt

Gleichzeitig verändert sich das Umfeld spürbar. Geopolitische Spannungen, der Wunsch nach technologischer Souveränität und globaler Wettbewerb erhöhen den Druck auf Europa, Innovationen nicht nur zu entwickeln, sondern auch erfolgreich zu skalieren. Andernfalls droht eine Entwicklung, die Kandler gemeinsam mit Pascal Bohe, Präsident von START Global, kritisch beschreibt: «Europa ist bereits zu lange der weltweit teuerste Talent-Inkubator für die Wirtschaft von jemand anderem».

Diese Diagnose verweist auf ein strukturelles Problem: Viele der besten Talente werden ausgebildet, tragen ihre Ideen jedoch in andere Märkte, wo sie unter besseren Bedingungen Unternehmen aufbauen oder weiterentwickeln.

Fehlende Unternehmenskultur und fragmentierte Ökosysteme

Neben strukturellen Faktoren spielt auch die unternehmerische Kultur eine Rolle. In Europa fehlt es mitunter an einer ausgeprägten Risikobereitschaft und an der Bereitschaft, eigene Ideen konsequent in Unternehmen zu überführen. Stattdessen arbeiten viele Talente in bestehenden Strukturen – häufig auch ausserhalb Europas.

Ein Blick ins Silicon Valley zeigt, wie entscheidend funktionierende Ökosysteme sein können. Dort sorgen Netzwerke, Mentoring-Strukturen und informelle Austauschformate dafür, dass unternehmerisches Erfahrungswissen kontinuierlich weitergegeben wird. Diese kollektive Wissensbasis erleichtert es, neue Unternehmen schneller und erfolgreicher aufzubauen.

In Europa hingegen sind solche Strukturen oft fragmentiert. Nationale Grenzen, unterschiedliche regulatorische Rahmenbedingungen und weniger ausgeprägte Netzwerke erschweren den systematischen Wissenstransfer. Zudem fehlen häufig die grossen, sichtbaren Erfolgsgeschichten, die als Vorbilder für die nächste Generation dienen könnten. Für Gründerinnen und Gründer bedeutet das: Viele Lernprozesse müssen individuell durchlaufen werden.

Gleichzeitig entstehen jedoch Initiativen, die genau diese Lücken adressieren sollen. Dazu zählen unter anderem das Project Switzerland von Deep Tech Nation Switzerland, der Operator Circle von Enzo Wälchli (ehemals CCO von ANYbotics) sowie der Scale-up Circle von Swisspreneur.

Kapital wird selektiver – und strategischer

Ein weiterer zentraler Faktor für Wachstum ist Kapital. Insbesondere wenn Startups und Scale-ups schnell skalieren sollen, sind grosse Finanzierungsrunden entscheidend. Viele europäische Unternehmen greifen dafür weiterhin auf Wagniskapital aus den USA zurück und verlagern im Zuge dessen teilweise auch ihren Standort.

Gleichzeitig entstehen auch in Europa vermehrt gezielte Initiativen, um diese Entwicklung zu kontern. Ein Beispiel ist der von Carsten Maschmeyer und Alexander Kölpin initiierte KI-Fonds mit einem Volumen von rund 90 Millionen Euro, der gezielt in europäische KI-Startups investiert.

Zwischen Anspruch und Realität

Die Diskussionen am START Summit machen deutlich: Europa verfügt über viele der zentralen Bausteine eines leistungsfähigen Innovationssystems – exzellente Forschung, hochqualifizierte Talente, eine starke industrielle Basis und zunehmend auch Kapital. Entscheidend wird jedoch sein, ob es gelingt, diese Stärken konsequent in wirtschaftliche Wertschöpfung zu übersetzen.

Die eigentliche Herausforderung liegt damit weniger im Erfinden der Zukunft, sondern im Aufbau jener Strukturen, die es ermöglichen, aus Ideen skalierbare Unternehmen zu machen.

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