«Wir bauen keine neuen Abläufe, sondern bessere Werkzeuge»

Dexterous Endoscopes entwickelt ein medizinisches Instrument, das ein bekanntes Problem im Operationssaal adressiert. Chirurgen müssen sich heute oft zwischen Reichweite und Kontrolle entscheiden. Das Lausanner Startup will genau diesen Zielkonflikt auflösen.

Die Idee entstand nicht aus einem einzelnen Geistesblitz, sondern aus jahrelanger Arbeit im Umfeld medizinischer Geräte. Yegor Piskarev und Yi Sun arbeiteten bereits an der EPFL gemeinsam an Technologien für Herzverfahren und verbrachten viel Zeit im Operationssaal. Dort zeigte sich, wo bestehende Instrumente an ihre Grenzen kommen. Nicht in der Theorie, sondern im konkreten Eingriff. Aus diesen Beobachtungen entwickelte sich schrittweise ein Produktansatz, der den klinischen Alltag stärker berücksichtigt.

Der Zielkonflikt im Eingriff

Viele minimalinvasive Eingriffe folgen demselben Muster. Flexible Instrumente ermöglichen es, tief in den Körper vorzudringen, bieten aber wenig Stabilität und Kraft. Starre Instrumente liefern Präzision, sind jedoch in ihrer Reichweite begrenzt. Das führt dazu, dass Chirurgen während eines Eingriffs zwischen verschiedenen Werkzeugen wechseln müssen. In manchen Fällen reicht das nicht aus und es wird auf invasivere Verfahren ausgewichen.

Genau hier setzt Dexterous Endoscopes an. Der Kern des Problems liegt nicht in einem einzelnen Instrument, sondern in diesem grundlegenden Trade-off zwischen Zugang und Kontrolle. Bestehende Lösungen können beides nicht gleichzeitig bieten.

Ein Instrument, das sich anpasst

Das entwickelte Endoskop verändert sein Verhalten im Körper. Es beginnt flexibel, um sich sicher durch komplexe Strukturen zu bewegen, und kann am Zielort versteift werden, um eine stabile und präzise Behandlung zu ermöglichen. Technisch geschieht das mechanisch und wird vom Chirurgen über einen einfachen Knopfdruck gesteuert.

Der Ansatz ist bewusst zurückhaltend gewählt. Es braucht keine zusätzliche Infrastruktur im Operationssaal, keine neuen Geräte und keine grundlegenden Änderungen im Ablauf. Das Instrument fügt sich in bestehende Prozesse ein. Genau darin liegt ein zentraler Unterschied zu vielen anderen Innovationen im Bereich chirurgischer Technologien.

Diese Kombination verändert die Ausgangssituation für Chirurgen. Statt sich zwischen Reichweite und Kontrolle entscheiden zu müssen, können beide Eigenschaften im selben Instrument genutzt werden. Dadurch werden Eingriffe in Bereichen möglich, die heute schwer zugänglich sind. In einzelnen Fällen kann das bedeuten, dass invasivere Verfahren vermieden werden.

Zwischen Forschung und Anwendung

Der Weg von der Forschung zum Produkt bringt eigene Herausforderungen mit sich. In der akademischen Entwicklung stehen oft Funktion und Machbarkeit im Vordergrund. In der klinischen Anwendung geht es zusätzlich um Zuverlässigkeit, Wiederholbarkeit und Sicherheit.

Das Team arbeitet eng mit Ärzten zusammen, um genau diese Aspekte weiterzuentwickeln. Erste präklinische Tests in mehreren Ländern haben gezeigt, wie sich das Instrument im realen Einsatz verhält. Dabei geht es nicht nur um Feedback, sondern auch darum zu beobachten, wie Chirurgen tatsächlich mit dem System arbeiten. Wo sie zögern, wie sie Funktionen nutzen und wie sich Abläufe verändern.

Diese Erkenntnisse fliessen direkt in die Weiterentwicklung ein. Entscheidend ist am Ende nicht nur, ob eine Technologie funktioniert, sondern ob sie im Alltag angenommen wird.

Geschäftsmodell und Markt

Das Geschäftsmodell ist klar strukturiert. Dexterous Endoscopes plant, Einweg-Endoskope in Kombination mit einem wiederverwendbaren Steuergerät an Spitäler zu verkaufen. Die Kunden sind die Kliniken, die Anwender die Chirurgen.

Der Fokus liegt zunächst auf Anwendungen im HNO-Bereich, gleichzeitig zeigen sich bereits Überschneidungen mit anderen Disziplinen wie Urologie oder Gastroenterologie. Langfristig ist das Potenzial entsprechend breiter.

Der Markteintritt ist in den USA geplant, zunächst über spezialisierte mittelgrosse Spitäler und ambulante Operationszentren. Dort sind Entscheidungswege oft kürzer und neue Technologien lassen sich schneller integrieren. Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass das System bestehende Abrechnungsstrukturen nutzt und keine neuen Vergütungsmodelle benötigt.

Ein Standort mit Rückenwind

Ein Teil der Entwicklung lässt sich auch auf das Umfeld zurückführen. Dexterous Endoscopes entstand rund um die EPFL, einem der wichtigsten Zentren für Medtech in Europa.

Das Team profitierte früh von Förderprogrammen, nicht-verwässernden Finanzierungen und einem Umfeld, das gezielt auf technologiegetriebene Startups ausgerichtet ist. In den ersten eineinhalb Jahren konnte das Unternehmen eine Vielzahl an Förderbeiträgen sichern und parallel erste Investoren gewinnen.

Neben der Finanzierung spielt auch der Zugang zu Talenten eine Rolle. Die Schweiz bietet insbesondere im Life-Science-Bereich eine starke Basis und zieht Fachkräfte aus unterschiedlichen Disziplinen an. Für das Team war das ein entscheidender Faktor in der Aufbauphase.

Ein pragmatischer Ansatz

Auffällig ist, wie stark sich das Unternehmen auf den konkreten Nutzen konzentriert. Es geht nicht darum, bestehende Abläufe zu ersetzen, sondern sie gezielt zu verbessern. Die Geräte wirken von aussen bewusst einfach, die Komplexität liegt im Inneren.

Langfristig bleibt die Ausgangsfrage einfach. Wenn sich chirurgische Eingriffe präziser und weniger invasiv durchführen lassen, verändert das den medizinischen Alltag. Nicht durch einen einzelnen grossen Schritt, sondern durch viele kleine Verbesserungen, die sich in der Praxis durchsetzen.

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Dexterous Endoscopes entwickelt ein medizinisches Instrument, das ein bekanntes Problem im Operationssaal adressiert. Chirurgen müssen sich heute oft zwischen Reichweite und Kontrolle entscheiden. Das Lausanner Startup will genau diesen Zielkonflikt auflösen.

Die Idee entstand nicht aus einem einzelnen Geistesblitz, sondern aus jahrelanger Arbeit im Umfeld medizinischer Geräte. Yegor Piskarev und Yi Sun arbeiteten bereits an der EPFL gemeinsam an Technologien für Herzverfahren und verbrachten viel Zeit im Operationssaal. Dort zeigte sich, wo bestehende Instrumente an ihre Grenzen kommen. Nicht in der Theorie, sondern im konkreten Eingriff. Aus diesen Beobachtungen entwickelte sich schrittweise ein Produktansatz, der den klinischen Alltag stärker berücksichtigt.

Der Zielkonflikt im Eingriff

Viele minimalinvasive Eingriffe folgen demselben Muster. Flexible Instrumente ermöglichen es, tief in den Körper vorzudringen, bieten aber wenig Stabilität und Kraft. Starre Instrumente liefern Präzision, sind jedoch in ihrer Reichweite begrenzt. Das führt dazu, dass Chirurgen während eines Eingriffs zwischen verschiedenen Werkzeugen wechseln müssen. In manchen Fällen reicht das nicht aus und es wird auf invasivere Verfahren ausgewichen.

Genau hier setzt Dexterous Endoscopes an. Der Kern des Problems liegt nicht in einem einzelnen Instrument, sondern in diesem grundlegenden Trade-off zwischen Zugang und Kontrolle. Bestehende Lösungen können beides nicht gleichzeitig bieten.

Ein Instrument, das sich anpasst

Das entwickelte Endoskop verändert sein Verhalten im Körper. Es beginnt flexibel, um sich sicher durch komplexe Strukturen zu bewegen, und kann am Zielort versteift werden, um eine stabile und präzise Behandlung zu ermöglichen. Technisch geschieht das mechanisch und wird vom Chirurgen über einen einfachen Knopfdruck gesteuert.

Der Ansatz ist bewusst zurückhaltend gewählt. Es braucht keine zusätzliche Infrastruktur im Operationssaal, keine neuen Geräte und keine grundlegenden Änderungen im Ablauf. Das Instrument fügt sich in bestehende Prozesse ein. Genau darin liegt ein zentraler Unterschied zu vielen anderen Innovationen im Bereich chirurgischer Technologien.

Diese Kombination verändert die Ausgangssituation für Chirurgen. Statt sich zwischen Reichweite und Kontrolle entscheiden zu müssen, können beide Eigenschaften im selben Instrument genutzt werden. Dadurch werden Eingriffe in Bereichen möglich, die heute schwer zugänglich sind. In einzelnen Fällen kann das bedeuten, dass invasivere Verfahren vermieden werden.

Zwischen Forschung und Anwendung

Der Weg von der Forschung zum Produkt bringt eigene Herausforderungen mit sich. In der akademischen Entwicklung stehen oft Funktion und Machbarkeit im Vordergrund. In der klinischen Anwendung geht es zusätzlich um Zuverlässigkeit, Wiederholbarkeit und Sicherheit.

Das Team arbeitet eng mit Ärzten zusammen, um genau diese Aspekte weiterzuentwickeln. Erste präklinische Tests in mehreren Ländern haben gezeigt, wie sich das Instrument im realen Einsatz verhält. Dabei geht es nicht nur um Feedback, sondern auch darum zu beobachten, wie Chirurgen tatsächlich mit dem System arbeiten. Wo sie zögern, wie sie Funktionen nutzen und wie sich Abläufe verändern.

Diese Erkenntnisse fliessen direkt in die Weiterentwicklung ein. Entscheidend ist am Ende nicht nur, ob eine Technologie funktioniert, sondern ob sie im Alltag angenommen wird.

Geschäftsmodell und Markt

Das Geschäftsmodell ist klar strukturiert. Dexterous Endoscopes plant, Einweg-Endoskope in Kombination mit einem wiederverwendbaren Steuergerät an Spitäler zu verkaufen. Die Kunden sind die Kliniken, die Anwender die Chirurgen.

Der Fokus liegt zunächst auf Anwendungen im HNO-Bereich, gleichzeitig zeigen sich bereits Überschneidungen mit anderen Disziplinen wie Urologie oder Gastroenterologie. Langfristig ist das Potenzial entsprechend breiter.

Der Markteintritt ist in den USA geplant, zunächst über spezialisierte mittelgrosse Spitäler und ambulante Operationszentren. Dort sind Entscheidungswege oft kürzer und neue Technologien lassen sich schneller integrieren. Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass das System bestehende Abrechnungsstrukturen nutzt und keine neuen Vergütungsmodelle benötigt.

Ein Standort mit Rückenwind

Ein Teil der Entwicklung lässt sich auch auf das Umfeld zurückführen. Dexterous Endoscopes entstand rund um die EPFL, einem der wichtigsten Zentren für Medtech in Europa.

Das Team profitierte früh von Förderprogrammen, nicht-verwässernden Finanzierungen und einem Umfeld, das gezielt auf technologiegetriebene Startups ausgerichtet ist. In den ersten eineinhalb Jahren konnte das Unternehmen eine Vielzahl an Förderbeiträgen sichern und parallel erste Investoren gewinnen.

Neben der Finanzierung spielt auch der Zugang zu Talenten eine Rolle. Die Schweiz bietet insbesondere im Life-Science-Bereich eine starke Basis und zieht Fachkräfte aus unterschiedlichen Disziplinen an. Für das Team war das ein entscheidender Faktor in der Aufbauphase.

Ein pragmatischer Ansatz

Auffällig ist, wie stark sich das Unternehmen auf den konkreten Nutzen konzentriert. Es geht nicht darum, bestehende Abläufe zu ersetzen, sondern sie gezielt zu verbessern. Die Geräte wirken von aussen bewusst einfach, die Komplexität liegt im Inneren.

Langfristig bleibt die Ausgangsfrage einfach. Wenn sich chirurgische Eingriffe präziser und weniger invasiv durchführen lassen, verändert das den medizinischen Alltag. Nicht durch einen einzelnen grossen Schritt, sondern durch viele kleine Verbesserungen, die sich in der Praxis durchsetzen.

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