Das Startup Ogmo sieht Abwasser als Ressource

«Mit Ogmo wollen wir eine radikal neue Alternative im Abwassersektor bereitstellen», sagt CEO Michel Riechmann gleich zu Beginn des Interviews. Das Zürcher Startup stellt ein System infrage, das seit Jahrzehnten als selbstverständlich gilt: unsere Art, mit Abwasser umzugehen.

Ein System stösst an seine Grenze

Unser heutiges Abwassersystem funktioniert im Grunde noch sehr ähnlich wie vor Jahrzehnten: Alles wird mit viel Wasser weggespült und anschliessend zentral in Kläranlagen gereinigt. Nur der Reinigungsgrad hat sich immer wieder angepasst. Mit zunehmendem Wassermangel wird dieses System selbst in Europa immer mehr hinterfragt. In vielen Ländern des Globalen Süden sieht die Lage noch viel dramatischer aus.  «Der Fokus liegt vor allem auf Hygiene in Städten und der Reinhaltung der Gewässer», erklärt Riechmann. Für urbane Zentren ist dieser Ansatz auch effizient, erfordert aber trotzdem enorme Infrastruktur und grosse Investitionen. Gleichzeitig gehen wertvolle Ressourcen verloren. Viel Wasser wird verbraucht und Nährstoffe verschwinden im System. Selbst moderne Kläranlagen können nicht alle Probleme vollständig lösen. Stickstoff und Mikroverunreinigungen gelangen weiterhin in die Gewässer. Ein Umdenken ist notwendig. Speziell im Hinblick auf die zwei Drittel der Weltbevölkerung, die noch immer keine adäquate Sanitärinfrastruktur zur Verfügung haben und ein wasserbasiertes System aufgrund mangelnder Ressourcen schlicht nicht leisten können.

Abwasser neu gedacht

Die Wurzeln von Ogmo liegen in der Forschung. Das Team lernte sich im Umfeld des Schweizer Wasserforschungsinstituts Eawag im Rahmen des internationalen Projekts «Reinvent the Toilet» kennen. Die zentrale Frage lautete damals, wie ein Sanitationssystem ohne riesige Infrastruktur und mit minimalem Wasserverbrauch funktionieren könnte. Dafür brauchte es neue Denkansätze. Aus dieser Challenge entstand die Idee für Ogmo. Erst vor rund fünf Monaten wurde Ogmo als Aktiengesellschaft gegründet. Dahinter stehen drei Co-Founder mit Hintergründen in Forschung und Industrie-Engineering, die sich durch eine gemeinsame Vision zusammengefunden haben.

Anstatt alles gemeinsam zu behandeln, trennt Ogmo die verschiedenen Abwasserströme direkt an der Quelle. Von den drei Komponenten Grauwasser, Urin und Fäkalien liegt der Fokus aktuell auf Urin. Dort steckt das grösste Potenzial.

Urin enthält den Grossteil der Nährstoffe und bringt gleichzeitig viele Mikroverunreinigungen mit sich. Durch die separate Behandlung lassen sich wertvolle Nährstoffe zurückgewinnen und gleichzeitig problematische Stoffe besonders effizient entfernen. Das Herzstück der Lösung ist eine kompakte, modulare Schranklösung, der «Nutrient Harvester». Vereinfacht gesagt werden beim Stabilisieren des Urins zunächst Krankheitserreger entfernt und durch das Unterbinden der Ammoniakbildung unangenehme Gerüche verhindert. Im anschliessenden Konzentrationsschritt wird das Volumen um rund 95 Prozent reduziert. Bei der Rückgewinnung entstehen schliesslich zwei Produkte. Ein nährstoffreicher Dünger mit Stickstoff, Phosphor und Kalium sowie sogenanntes Servicewasser, das beispielsweise für Bewässerung, Reinigung oder Toilettenspülung genutzt werden kann. Das System liefert so einen wesentlichen Anteil zur Schliessung lokaler Kreisläufe.

Der Bruch mit dem klassischen System

Der Unterschied zu klassischen Kläranlagen liegt im Ansatz. Ogmo setzt auf kleine, modulare Einheiten statt auf zentrale Grossinfrastruktur. «Wir wollen weg von grossen, baulastigen Systemen, hin zu modularen, vorfertigbaren Lösungen», sagt Riechmann.

Das reduziert den baulichen Aufwand erheblich. Aufwendige Bauarbeiten oder schwere Maschinen sind nicht notwendig. Die Lösung ist flexibel einsetzbar, auch in abgelegenen Regionen, und lässt sich in ihrer Nutzung mit einem Haushaltsgerät vergleichen.

Von Zürich bis zur Berghütte

Aktuell wird die Technologie bereits im Raum Zürich in zwei Pilotprojekten getestet. Ein weiterer Pilot in einem Einfamilienhaus folgt in Kürze. Die Rückmeldungen sind positiv. Viele Nutzerinnen und Nutzer bemerken gar nicht, dass sie Teil eines neuen Systems sind. Im Fokus stehen derzeit zwei Anwendungsfelder. Einerseits Remote Tourism wie etwa Berghütten, abgelegene Hotels oder Gebäude ohne Kanalanschluss. Andererseits öffentliche Räume wie Parks, Wanderwege oder urbane Flächen. Besonders interessant ist die Lösung auch für Parkplätze und Rastanlagen, deren Toiletten oftmals nicht ans zentrale Abwassernetz angeschlossen sind. Dort fallen grosse Mengen Urin an, die aufgrund ihres hohen Stickstoffgehalts in bestehenden dezentralen biologischen Reinigungsanlagen oft Probleme verursachen. Durch die Ergänzung bestehender Systeme mit der Technologie von Ogmo kann hier gezielt entlastet werden.

Als flächendeckende Lösung für die Schweiz sieht Riechmann den Ansatz jedoch nicht. Die bestehende Infrastruktur mit Kläranlagen funktioniert bereits sehr gut. Dennoch eignen sich verschiedene komplementäre Nischenmärkte in der finanzstarken Schweiz hervorragend zum Erreichen der notwendigen Produktreife. Für Länder mit weniger entwickelten Abwassersystemen oder Wasserknappheit ist die Technologie dann besonders vielversprechend. 

Derzeit befindet sich das Startup in der Pre-Seed-Phase und arbeitet an der nächsten Finanzierungsrunde mit dem Ziel, 500’000 Franken zu sammeln. Damit soll das Team erweitert und der nächste Entwicklungs-Loop realisiert werden. Parallel sucht Ogmo Partner für Produktion und Vertrieb. Um künftig in grösserem Mass produzieren zu können, will das Unternehmen seine bestehende Manufaktur weiter ausbauen. Technisch funktioniert bereits vieles. Die grösste Herausforderung liegt im Feinschliff. «Wir wollen ein System, das einfach zu bedienen, energieeffizient und gleichzeitig leistungsfähig ist. Das alles unter einen Hut zu bringen, ist nicht immer trivial», sagt Riechmann. Ogmo denkt Abwasser nicht als Problem, sondern als Ressource und stellt damit ein etabliertes System grundlegend in Frage.

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Author: Dea Sikiric

Dea Sikiric
"Startup-Gründer zu interviewen und damit die neuesten Ideen und Entwicklungen von anderen Pionieren kennen zu lernen, macht mir grossen Spass."

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Ein System stösst an seine Grenze

Unser heutiges Abwassersystem funktioniert im Grunde noch sehr ähnlich wie vor Jahrzehnten: Alles wird mit viel Wasser weggespült und anschliessend zentral in Kläranlagen gereinigt. Nur der Reinigungsgrad hat sich immer wieder angepasst. Mit zunehmendem Wassermangel wird dieses System selbst in Europa immer mehr hinterfragt. In vielen Ländern des Globalen Süden sieht die Lage noch viel dramatischer aus.  «Der Fokus liegt vor allem auf Hygiene in Städten und der Reinhaltung der Gewässer», erklärt Riechmann. Für urbane Zentren ist dieser Ansatz auch effizient, erfordert aber trotzdem enorme Infrastruktur und grosse Investitionen. Gleichzeitig gehen wertvolle Ressourcen verloren. Viel Wasser wird verbraucht und Nährstoffe verschwinden im System. Selbst moderne Kläranlagen können nicht alle Probleme vollständig lösen. Stickstoff und Mikroverunreinigungen gelangen weiterhin in die Gewässer. Ein Umdenken ist notwendig. Speziell im Hinblick auf die zwei Drittel der Weltbevölkerung, die noch immer keine adäquate Sanitärinfrastruktur zur Verfügung haben und ein wasserbasiertes System aufgrund mangelnder Ressourcen schlicht nicht leisten können.

Abwasser neu gedacht

Die Wurzeln von Ogmo liegen in der Forschung. Das Team lernte sich im Umfeld des Schweizer Wasserforschungsinstituts Eawag im Rahmen des internationalen Projekts «Reinvent the Toilet» kennen. Die zentrale Frage lautete damals, wie ein Sanitationssystem ohne riesige Infrastruktur und mit minimalem Wasserverbrauch funktionieren könnte. Dafür brauchte es neue Denkansätze. Aus dieser Challenge entstand die Idee für Ogmo. Erst vor rund fünf Monaten wurde Ogmo als Aktiengesellschaft gegründet. Dahinter stehen drei Co-Founder mit Hintergründen in Forschung und Industrie-Engineering, die sich durch eine gemeinsame Vision zusammengefunden haben.

Anstatt alles gemeinsam zu behandeln, trennt Ogmo die verschiedenen Abwasserströme direkt an der Quelle. Von den drei Komponenten Grauwasser, Urin und Fäkalien liegt der Fokus aktuell auf Urin. Dort steckt das grösste Potenzial.

Urin enthält den Grossteil der Nährstoffe und bringt gleichzeitig viele Mikroverunreinigungen mit sich. Durch die separate Behandlung lassen sich wertvolle Nährstoffe zurückgewinnen und gleichzeitig problematische Stoffe besonders effizient entfernen. Das Herzstück der Lösung ist eine kompakte, modulare Schranklösung, der «Nutrient Harvester». Vereinfacht gesagt werden beim Stabilisieren des Urins zunächst Krankheitserreger entfernt und durch das Unterbinden der Ammoniakbildung unangenehme Gerüche verhindert. Im anschliessenden Konzentrationsschritt wird das Volumen um rund 95 Prozent reduziert. Bei der Rückgewinnung entstehen schliesslich zwei Produkte. Ein nährstoffreicher Dünger mit Stickstoff, Phosphor und Kalium sowie sogenanntes Servicewasser, das beispielsweise für Bewässerung, Reinigung oder Toilettenspülung genutzt werden kann. Das System liefert so einen wesentlichen Anteil zur Schliessung lokaler Kreisläufe.

Der Bruch mit dem klassischen System

Der Unterschied zu klassischen Kläranlagen liegt im Ansatz. Ogmo setzt auf kleine, modulare Einheiten statt auf zentrale Grossinfrastruktur. «Wir wollen weg von grossen, baulastigen Systemen, hin zu modularen, vorfertigbaren Lösungen», sagt Riechmann.

Das reduziert den baulichen Aufwand erheblich. Aufwendige Bauarbeiten oder schwere Maschinen sind nicht notwendig. Die Lösung ist flexibel einsetzbar, auch in abgelegenen Regionen, und lässt sich in ihrer Nutzung mit einem Haushaltsgerät vergleichen.

Von Zürich bis zur Berghütte

Aktuell wird die Technologie bereits im Raum Zürich in zwei Pilotprojekten getestet. Ein weiterer Pilot in einem Einfamilienhaus folgt in Kürze. Die Rückmeldungen sind positiv. Viele Nutzerinnen und Nutzer bemerken gar nicht, dass sie Teil eines neuen Systems sind. Im Fokus stehen derzeit zwei Anwendungsfelder. Einerseits Remote Tourism wie etwa Berghütten, abgelegene Hotels oder Gebäude ohne Kanalanschluss. Andererseits öffentliche Räume wie Parks, Wanderwege oder urbane Flächen. Besonders interessant ist die Lösung auch für Parkplätze und Rastanlagen, deren Toiletten oftmals nicht ans zentrale Abwassernetz angeschlossen sind. Dort fallen grosse Mengen Urin an, die aufgrund ihres hohen Stickstoffgehalts in bestehenden dezentralen biologischen Reinigungsanlagen oft Probleme verursachen. Durch die Ergänzung bestehender Systeme mit der Technologie von Ogmo kann hier gezielt entlastet werden.

Als flächendeckende Lösung für die Schweiz sieht Riechmann den Ansatz jedoch nicht. Die bestehende Infrastruktur mit Kläranlagen funktioniert bereits sehr gut. Dennoch eignen sich verschiedene komplementäre Nischenmärkte in der finanzstarken Schweiz hervorragend zum Erreichen der notwendigen Produktreife. Für Länder mit weniger entwickelten Abwassersystemen oder Wasserknappheit ist die Technologie dann besonders vielversprechend. 

Derzeit befindet sich das Startup in der Pre-Seed-Phase und arbeitet an der nächsten Finanzierungsrunde mit dem Ziel, 500’000 Franken zu sammeln. Damit soll das Team erweitert und der nächste Entwicklungs-Loop realisiert werden. Parallel sucht Ogmo Partner für Produktion und Vertrieb. Um künftig in grösserem Mass produzieren zu können, will das Unternehmen seine bestehende Manufaktur weiter ausbauen. Technisch funktioniert bereits vieles. Die grösste Herausforderung liegt im Feinschliff. «Wir wollen ein System, das einfach zu bedienen, energieeffizient und gleichzeitig leistungsfähig ist. Das alles unter einen Hut zu bringen, ist nicht immer trivial», sagt Riechmann. Ogmo denkt Abwasser nicht als Problem, sondern als Ressource und stellt damit ein etabliertes System grundlegend in Frage.

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