«Warum bin ich so offen mit einer KI?»

Was Führungsetagen beschliessen und was im Betrieb passiert, liegt oft weit auseinander. Das ETH-Startup Cartorga lässt eine Sprach-KI Tausende Mitarbeitergespräche führen und baut daraus eine Plattform für Beratungshäuser. Ein Schweizer Grosskonzern testet das System bereits.

In vielen Unternehmen fallen Entscheide mehrere Ebenen entfernt von dort, wo die eigentliche Reibung entsteht. Was auf dem Weg nach oben ankommt, ist gefiltert. Umfragen bleiben an der Oberfläche, Reportings sind politisch geglättet, und bis die Folgen sichtbar werden, ist es fürs Gegensteuern oft zu spät.

Olin Geimer und Christopher Kotthoff kannten dieses Muster aus eigener Anschauung. Olin beobachtete es während seiner Praktika in der Beratung und in Grosskonzernen, Christopher bei seiner Arbeit an KI-Prozessautomatisierung für UBS und die Wirtschaftskanzlei Homburger. Immer wieder machten sie dieselbe Erfahrung. Zwischen dem, was beschlossen wird, und dem, was umgesetzt wird, liegt ein blinder Fleck.

Den Ausschlag für die Gründung gab ein persönliches Erlebnis. Die beiden arbeiteten bereits seit rund zwei Jahren mit Sprachagenten, als einer von ihnen von einer KI eine gesprochene Rückfrage erhielt und sich dabei ertappte, wie er mitten im Gedanken frei drauflosredete. Warum, fragte er sich, bin ich so offen mit einer KI? Eine gesprochene, sich anpassende Unterhaltung fördert weit reichhaltigere Aussagen zutage als jedes Textfeld. Gespräche mit ranghohen Kontakten aus etablierten Beratungshäusern bestätigten den Gründern, dass ein grosser Teil ihrer Arbeit im Kern strukturiertes Zuhören sei. Mit KI lässt sich genau das auf Tausende Personen gleichzeitig ausweiten.

Zuhören im industriellen Massstab

Die Sprach-KI von Cartorga führt vertiefte Einzelgespräche mit Mitarbeitenden, wie es sonst Unternehmensberaterinnen und Unternehmensberater tun. Sie stellt adaptive Rückfragen und sucht nach den Ursachen hinter einem Problem statt nur nach dessen Symptomen. Von der klassischen Umfrage unterscheidet sich der Ansatz durch die Tiefe: Es entsteht ein Warum statt bloss einer Zahl. Vom Beratungsmandat unterscheidet er sich durch das Tempo: Die autonomen Agenten führen Tausende Interviews parallel und verdichten Analysen, die sonst Wochen oder Monate dauern, auf Tage oder Stunden. Zwar bleibt jede Erkenntnis nachvollziehbar mit den Gesprächen verknüpft, dennoch sind diese anonym. Mitarbeitende sagen offen, was sie wirklich denken, und die Auswertung bleibt präzise genug, damit Entscheidungstragende gezielt eingreifen können.

Entwickelt wurde das Produkt gemeinsam mit zwei Boutique-Beratungen als Designpartner. Derzeit führt und analysiert das System in einem Projekt mit einem grossen Schweizer Konzern mehrere hundert Mitarbeitergespräche. Wo Cartorga am meisten Wert stiftet, halten die Gründer bewusst offen. Zwei Stossrichtungen zeichnen sich jedoch ab. Die eine ist die Compliance-Kultur, also ob Sicherheits- und KI-Regeln im Alltag tatsächlich gelebt werden, die andere die Begleitung grosser Veränderungen wie Fusionen oder Systemeinführungen, bei denen sichtbar wird, wo und warum die Umsetzung stockt.

Datenhoheit als härteste Nuss

Technisch forderte die Datensouveränität das Team am stärksten. Mit dem EU AI Act und der wachsenden Sorge um Daten auf amerikanischen Systemen verlangen Firmen zunehmend, dass Daten und Sprachmodelle in Europa gehostet werden. Cartorga baute dafür einen vollständig konformen technischen Unterbau. Ebenso anspruchsvoll war die Verlässlichkeit. Ein eigens entwickeltes System verknüpft jede Aussage transparent mit den Originalgesprächen, statt einem Sprachmodell blind zu vertrauen. Kommerziell unterschätzten die Gründer die Beschaffungszyklen grosser Firmen, wie viele vor ihnen. Positiv fiel dagegen die Haltung der Arbeitnehmervertretungen aus, die im System eine echte Stimme für die Belegschaft sehen.

Eine Plattform für Beratungshäuser

Geld verdient Cartorga heute mit projektbasierten Mandaten, positioniert als digitale Alternative zur klassischen Beratung. Der Fokus hat sich jedoch verschoben. Das Startup baut diesen Ansatz inzwischen gezielt als Plattform für Beratungshäuser auf. Diese integrieren die Methode in ihr eigenes Angebot, skalieren ihre Arbeit mit KI und gewinnen dank wettbewerbsfähigerer Preise mehr Mandate. So erreicht Cartorga schneller mehr Unternehmen, als es über eigene Mandate je möglich wäre.

Zweimal 80 Prozent

Kennengelernt haben sich Olin und Christopher zu Beginn ihres Studiums der Machine Intelligence an der ETH Zürich. Olin schrieb seine Masterarbeit an der Yale University, Christopher an der University of Cambridge. Daneben leitete Christopher die Software des Studierendenprojekts Swissloop Tunneling. Den Start finanzierten sie mit je einer 80-Prozent-Stelle, die übrigen 80 Prozent der Woche gehörten Cartorga. Der Sprung in die Vollzeit gelang mit dem ETH-Accelerator UPortunity, der ihr Einkommen für drei Monate deckte und Mentoring, Kontakte und ein Büro brachte. Kürzlich gewann Cartorga die zweite Stufe von Venture Kick. Derzeit verbringen die beiden vier Wochen in San Francisco mit Swissnex, um Investierende sowie Gründerinnen und Gründer zu treffen und vom Tempo und der Denkweise des Silicon Valley zu lernen.

Langfristig soll das System die realen Abläufe eines Unternehmens laufend erlernen und daraus einen dynamischen digitalen Zwilling der Organisation formen. Arbeiten Führung, operative Teams und KI-Agenten mit derselben Realität, fliessen Entscheide direkt in die Umsetzung, und Rückmeldungen kommen in Tagen statt in Quartalen zurück.

Am Anfang stand die Lücke zwischen Beschluss und Wirklichkeit. Cartorga will sie schliessen, indem Unternehmen jenen zuhören, die sie am besten kennen: den eigenen Mitarbeitenden.

Bildlegende (von links): Christopher Kotthoff und Olin Geimer, Co-Gründer von Cartorga

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Niwes Willner
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Was Führungsetagen beschliessen und was im Betrieb passiert, liegt oft weit auseinander. Das ETH-Startup Cartorga lässt eine Sprach-KI Tausende Mitarbeitergespräche führen und baut daraus eine Plattform für Beratungshäuser. Ein Schweizer Grosskonzern testet das System bereits.

In vielen Unternehmen fallen Entscheide mehrere Ebenen entfernt von dort, wo die eigentliche Reibung entsteht. Was auf dem Weg nach oben ankommt, ist gefiltert. Umfragen bleiben an der Oberfläche, Reportings sind politisch geglättet, und bis die Folgen sichtbar werden, ist es fürs Gegensteuern oft zu spät.

Olin Geimer und Christopher Kotthoff kannten dieses Muster aus eigener Anschauung. Olin beobachtete es während seiner Praktika in der Beratung und in Grosskonzernen, Christopher bei seiner Arbeit an KI-Prozessautomatisierung für UBS und die Wirtschaftskanzlei Homburger. Immer wieder machten sie dieselbe Erfahrung. Zwischen dem, was beschlossen wird, und dem, was umgesetzt wird, liegt ein blinder Fleck.

Den Ausschlag für die Gründung gab ein persönliches Erlebnis. Die beiden arbeiteten bereits seit rund zwei Jahren mit Sprachagenten, als einer von ihnen von einer KI eine gesprochene Rückfrage erhielt und sich dabei ertappte, wie er mitten im Gedanken frei drauflosredete. Warum, fragte er sich, bin ich so offen mit einer KI? Eine gesprochene, sich anpassende Unterhaltung fördert weit reichhaltigere Aussagen zutage als jedes Textfeld. Gespräche mit ranghohen Kontakten aus etablierten Beratungshäusern bestätigten den Gründern, dass ein grosser Teil ihrer Arbeit im Kern strukturiertes Zuhören sei. Mit KI lässt sich genau das auf Tausende Personen gleichzeitig ausweiten.

Zuhören im industriellen Massstab

Die Sprach-KI von Cartorga führt vertiefte Einzelgespräche mit Mitarbeitenden, wie es sonst Unternehmensberaterinnen und Unternehmensberater tun. Sie stellt adaptive Rückfragen und sucht nach den Ursachen hinter einem Problem statt nur nach dessen Symptomen. Von der klassischen Umfrage unterscheidet sich der Ansatz durch die Tiefe: Es entsteht ein Warum statt bloss einer Zahl. Vom Beratungsmandat unterscheidet er sich durch das Tempo: Die autonomen Agenten führen Tausende Interviews parallel und verdichten Analysen, die sonst Wochen oder Monate dauern, auf Tage oder Stunden. Zwar bleibt jede Erkenntnis nachvollziehbar mit den Gesprächen verknüpft, dennoch sind diese anonym. Mitarbeitende sagen offen, was sie wirklich denken, und die Auswertung bleibt präzise genug, damit Entscheidungstragende gezielt eingreifen können.

Entwickelt wurde das Produkt gemeinsam mit zwei Boutique-Beratungen als Designpartner. Derzeit führt und analysiert das System in einem Projekt mit einem grossen Schweizer Konzern mehrere hundert Mitarbeitergespräche. Wo Cartorga am meisten Wert stiftet, halten die Gründer bewusst offen. Zwei Stossrichtungen zeichnen sich jedoch ab. Die eine ist die Compliance-Kultur, also ob Sicherheits- und KI-Regeln im Alltag tatsächlich gelebt werden, die andere die Begleitung grosser Veränderungen wie Fusionen oder Systemeinführungen, bei denen sichtbar wird, wo und warum die Umsetzung stockt.

Datenhoheit als härteste Nuss

Technisch forderte die Datensouveränität das Team am stärksten. Mit dem EU AI Act und der wachsenden Sorge um Daten auf amerikanischen Systemen verlangen Firmen zunehmend, dass Daten und Sprachmodelle in Europa gehostet werden. Cartorga baute dafür einen vollständig konformen technischen Unterbau. Ebenso anspruchsvoll war die Verlässlichkeit. Ein eigens entwickeltes System verknüpft jede Aussage transparent mit den Originalgesprächen, statt einem Sprachmodell blind zu vertrauen. Kommerziell unterschätzten die Gründer die Beschaffungszyklen grosser Firmen, wie viele vor ihnen. Positiv fiel dagegen die Haltung der Arbeitnehmervertretungen aus, die im System eine echte Stimme für die Belegschaft sehen.

Eine Plattform für Beratungshäuser

Geld verdient Cartorga heute mit projektbasierten Mandaten, positioniert als digitale Alternative zur klassischen Beratung. Der Fokus hat sich jedoch verschoben. Das Startup baut diesen Ansatz inzwischen gezielt als Plattform für Beratungshäuser auf. Diese integrieren die Methode in ihr eigenes Angebot, skalieren ihre Arbeit mit KI und gewinnen dank wettbewerbsfähigerer Preise mehr Mandate. So erreicht Cartorga schneller mehr Unternehmen, als es über eigene Mandate je möglich wäre.

Zweimal 80 Prozent

Kennengelernt haben sich Olin und Christopher zu Beginn ihres Studiums der Machine Intelligence an der ETH Zürich. Olin schrieb seine Masterarbeit an der Yale University, Christopher an der University of Cambridge. Daneben leitete Christopher die Software des Studierendenprojekts Swissloop Tunneling. Den Start finanzierten sie mit je einer 80-Prozent-Stelle, die übrigen 80 Prozent der Woche gehörten Cartorga. Der Sprung in die Vollzeit gelang mit dem ETH-Accelerator UPortunity, der ihr Einkommen für drei Monate deckte und Mentoring, Kontakte und ein Büro brachte. Kürzlich gewann Cartorga die zweite Stufe von Venture Kick. Derzeit verbringen die beiden vier Wochen in San Francisco mit Swissnex, um Investierende sowie Gründerinnen und Gründer zu treffen und vom Tempo und der Denkweise des Silicon Valley zu lernen.

Langfristig soll das System die realen Abläufe eines Unternehmens laufend erlernen und daraus einen dynamischen digitalen Zwilling der Organisation formen. Arbeiten Führung, operative Teams und KI-Agenten mit derselben Realität, fliessen Entscheide direkt in die Umsetzung, und Rückmeldungen kommen in Tagen statt in Quartalen zurück.

Am Anfang stand die Lücke zwischen Beschluss und Wirklichkeit. Cartorga will sie schliessen, indem Unternehmen jenen zuhören, die sie am besten kennen: den eigenen Mitarbeitenden.

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